Mag sein, dass die 80 Lebensjahre tiefe Furchen hinterlassen haben auf seinem Gesicht. Doch im Herzen und an den Tasten ist Paul Kuhn anscheinend für immer jung. Er legt eine unglaubliche Fingerfertigkeit an den Tag, so zum Beispiel bei der One Note Samba oder bei seinem temperamentvollen Samba-Medley Brasiliana. Und diese Kondition hält bis zu den Zugaben: der Jazz-Samba Prelude to a kiss, wo er regelrecht über die Tasten fliegt, und dem Swing Sweet Georgia Brown.
Bei Duke Ellingtons It don't mean a thing fängt er plötzlich mit einem so unsinnig-witzigen Scatgesang an, dass er selbst darüber lachen muss. „Ich wollte Ihnen etwas klarmachen, aber das ist nicht gelungen“, blödelt er. „Sie haben es sicher nicht verstanden - ich auch nicht“. Ob er solchen Unsinn nuschelt, ob er eine Ansage macht, ob er singt oder Klavier spielt - immer erzählt der große Entertainer. Und das Publikum lauscht gebannt.
Dichte Atmosphäre entsteht bei Stücken wie dem Jazz-Waltz Sharade, der an einen argentinischen Bandoneonwalzer erinnert. Auch die Ballade How deep is the ocean präsentiert Paul Kuhn sehr innig und eindrucksvoll. Beim Walzer Sweet Georgie Fame wird der Flügel gar zur Spieluhr, zumindest klingt die in hohen Lagen gespielte Melodie danach.
Singend oder spielend gönnt sich der deutsche Grandseigneur des Jazz jeweils Freiheit für seine ganz eigene Interpretation. Er verlässt die Strickmuster, setzt die Kunst des Weglassens ein, spielt gegen den Takt. Seine beiden Mitmusiker gehen auf all dies ein, doch Paul Kuhn räumt ihnen genügend Platz ein für solistische Parts. Sie lassen sich nicht lange bitten, sondern zaubern und brillieren an ihren Instrumenten, dass es eine Freude ist.
Willy Ketzer versteht es, für ein Solo am Schlagzeug plötzlich ein Feuerwerk abzubrennen, um sich in der nächsten Sekunde wieder zurückzunehmen. Sein Spiel ist äußerst variabel, insbesondere die Taktgestaltung bei den lateinamerikanischen Rhythmen. Martin Gjakonovski spielt seinen Kontrabass mal genau synchron zur Basslinie des Klaviers, mal setzt er Kontrapunkte, mal spielt er einen Walking Bass, mal eine wunderbare Melodie.
Am Bühnenrand stand von Beginn an eine Wasserflasche mit einer roten Rose darin. Eine Verehrerin hat sie mitgebracht. In der Pause legt sie sie auf die Tasten des Flügels. „Vielen Dank für die Rose, wer auch immer es war“, bedankt sich Paul Kuhn, als er zurückkommt. Am Ende, nach zwei Zugaben und lang anhaltendem Applaus, gibt sich die Verehrerin zu erkennen, schüttelt Paul Kuhn die Hand und wünscht: „Bleiben Sie gesund!“ Dem kann man sich nur anschließen.
(Barbara Oschmann, Main-Post 01.07.08)

